Das erste Schlafbild

Jeder Welpe eines Wurfs zeigt bereits vom ersten Atemzug an verschiedene Verhaltensformen seinen Geschwistern gegenüber (auch wenn diese zu diesem frühen Zeitpunkt eher über die Liegepositionen als über aktives Verhalten zu erkennen sind). Sie lassen bereits in diesem frühen Moment Rückschlüsse auf seine Stellung und damit auf sein späteres Sozial- und Kommunikationsverhalten zu. Je nach „Qualität“ des Wurfs sind diese allerdings unterschiedlich deutlich ausgeprägt, d.h. je „besser“ die Qualität eines Wurfs, umso klarer ist bereits in den ersten Stunden ihres Lebens die Struktur zu erkennen.
Besonders wichtig für die Analyse der Struktur ist das erste Schlafbild des Wurfes, welches den Moment bezeichnet, in dem das Muttertier das erste Mal die Jungen verlässt, um sich zu lösen. In diesem Moment sortieren sich die Welpen zueinander und kommen abschließend in einer ersten Formation zur Ruhe.
Alle weiteren Schlafbilder bestätigen dann in der Regel die erste Einschätzung, jedenfalls sofern es sich um einen perfekten Wurf handelt, da bei allen derartigen Würfen die Abläufe immer gleichartig wiederkehren. Bei Würfen der Kategorie 2 und 3 sind zur Sicherheit weitere Bilder nötig, da hier die Abläufe aufgrund der „schlechteren“ Struktur unter Umständen nicht mehr so deutlich erkennbar sind.
Anhand der weiteren Schlafbilder können dann auch die einzelnen Schritte nachvollzogen und dokumentiert werden, die für den Aufbau der Struktur des Wurfs wesentlich sind (Separation des VLH, Akzeptanzliegen etc.)

Professionalisierung

Auch wenn die jeweilige Stellung angeboren/vererbt ist, müssen die daraus resultierenden Aufgaben und Abläufe aktiviert und praktiziert werden. Das heißt, bereits in den ersten Momenten nach der Geburt beginnen die Welpen mit ihrer „Arbeit“ und organisieren sich im Verband entsprechend ihrer Aufgaben (sichtbar im ersten Schlafbild). Sie versichern sich ihrer eigenen Stellung, verknüpfen sich mit den anderen, binden sich gegenseitig in den Verband ein und beginnen dann – anfangs mehr durch Liegen als durch klare Aktionen – die einzelnen Abläufe tagtäglich zu üben.
Die erste Verknüpfungs- und Professionalisierungsphase ist abgeschlossen, sobald die Welpen sehen können.

All dies dient letztlich dazu, den einzelnen Welpen in die Lage zu versetzen, seine Fähigkeiten zum Funktionieren und damit zum Wohle des Rudels einzubringen. All das, was der Mensch am Hund liebt, trägt der Hund somit bei der Geburt bereits in sich: Bindungsfähigkeit, soziale Kompetenz und die Bereitschaft, sich nicht nur umeinander zu kümmern, sondern auch den Menschen mit einzubinden und sich auch um dessen Wohlbefinden zu sorgen.

Separation

Als Separation bezeichnet man eine Art Wanderbewegung eines Leithundes, während der er sich vom Verband löst, alleine liegt und abschließend von den anderen Welpen wieder aufgenommen wird.
Wenn sowohl im Altbestand als auch im Wurf alles in Ordnung ist, erlebt der Mensch nur eine Separation pro Wurf, die des VLH.
Bilderbuchartig liegt er während der ersten Schlafphase der neugeborenen Welpen parallel neben dem NLH und in T-Stellung zu den restlichen Welpen (vgl. unten stehende Grafik).
Initiiert wird diese Absonderung durch den MBH-Welpen. Nachdem dieser erstmalig Vorrang von Nachrang getrennt hat, wird er im anschließenden Arbeitsablauf versuchen, den VLH-Welpen daran zu hindern, sich dauerhaft im Verband zu verstecken und ihn so in die Separation zwingen. Je nachdem wie stark der VLH-Welpe sich weigert, unterstützen hierbei alle anderen Stellungen den MBH, und zwar umso mehr, je dichter sich der VLH gerade bei ihnen aufhält.
Im Laufe dieses Prozesses – der etwa vom 10. bis zum 18. Tag dauert – wandert der VLH einmal durch den Verband an seine eigentliche Position. Auf der unten stehenden Grafik wäre dies der Weg vom derzeitigen Platz rechts oben nach links an allen Stellungen vorbei bis vor den V 2, wobei er sich zum Schlafen jeweils zu einem anderen Welpen legt. Anschließend liegt er für einen Tag separiert außerhalb des Verbandes, bevor er vom MBH wieder in die Gruppe aufgenommen wird. Die Separation ist abgeschlossen, bevor die Welpen ihre Augen öffnen.

Fehlt im Wurf der N 3, würde sich im Anschluss der NLH ebenso vom Verband lösen und eine separierte Stellung einnehmen.
Ist dies nicht der Fall, hält der NLH in der Schlafphase immer Verbindung zum Verband und zwar durch punktuellen Körperkontakt zum N 3. Im Gegensatz zum VLH, der auch beim Schlafen in der separierten Endstellung liegt.
Der Sinn dieser Separation kann nur vermutet werden, aber die Parallelen zum späteren Verhalten sind offensichtlich! Beide Leithunde sind in der Lage – jeder auf seine Weise – ohne weiteren passenden Hund zu leben, als ob diese Separation als eine Art Initiationsritus sie auch in die Lage versetzt, sich der Umwelt robust und eigenständig stellen zu können.

Erst wenn die Separation des VLH gelungen ist, beginnt das sog. Akzeptanzliegen der unterschiedlichen Stellungen, ist jedoch kein VLH-Welpe im Wurf vorhanden, wird das Akzeptanzliegen auch vorgezogen.

Akzeptanzliegen

Unter bestimmten Voraussetzungen kommt es in Würfen zu Schlafsequenzen, bei denen vorrangige und nachrangige Bindehunde miteinander oder mit einem unpassenden Eckhund oder Eckhunde untereinander Körper an Körper schlafen, dem so genannten Akzeptanzliegen.
In der Regel findet Akzeptanzliegen nur in nicht perfekten Würfen statt. Kommt es in einem perfekten Wurf vor, ist oft ein körperlich geschwächter Welpe vorhanden, bei dem es sich meistens um einen der eigentlich passenden Verknüpfungshunde handelt.
Dieses Akzeptanzliegen kommt nicht dauerhaft vor, ist aber eine wichtige, positive Maßnahme der im Wurf vorhandenen Welpen, um schon im Vorfeld Aggressionspotentiale abzubauen, die sich sonst aufgrund der Konstellation in einem nicht perfekten Wurf entwickeln würden.

Akzeptanzliegen findet nur statt, wenn im Wurf ein MBH vorhanden ist, der Wurf Fehlstellungen aufweist, aber kein Doppelbesatz vorliegt.
Je nach Konstellation des Wurfs ist der Zeitpunkt hierfür unterschiedlich, da die jeweiligen Arbeitsabläufe der Welpen verschiedene Prioritäten haben.

Wurfkategorien

Karl Werner hat zur Unterscheidung eines jedes Wurfs hinsichtlich seiner „Qualität“ drei Kategorien entwickelt und definiert:

  • Kategorie 1: perfekter Wurf
  • Kategorie 2: akzeptabler Wurf
  • Kategorie 3: nicht akzeptabler Wurf


Kategorie 1: perfekter Wurf

Dieser Wurf besteht aus 7 Tieren. Jede der 7 Rudelstellungen ist nur einmal im Wurf vertreten.
Ein solcher Wurf ist leicht zu erkennen, da man schon im ersten Schlafbild eine klare Anfangsstruktur sieht, die der nachstehenden Skizze mit nur leichten Variationen ähnelt.

perfekter wurf NEU

Alle Bindehunde liegen wie die Heringe – Kopf an Po – zueinander. In der Mitte erkennt man den MBH-Welpen, der hinten breit wie eine Flunder liegt, d.h. die Oberschenkel rechts und links sind sichtbar. Sein Kopf zeigt in 90% aller Fälle zur Mutter.
Der NLH liegt in T-Stellung mit seinem Kopf auf dem N 3.
Der VLH liegt in leicht V-förmiger Stellung zum Verband, neben dem NLH mit zum Rest der Hunde abgewandtem Kopf.
Wenn man die Wurfkiste genau nach den Lichtverhältnissen prüft, kann man den Nachrang vom Vorrang unterscheiden. Der Nachrang wird immer versuchen, sich in Richtung der dunkelsten Stelle hinzulegen, meistens ist eine Wand in der Nähe.

Kategorie 2: akzeptabler Wurf

Unter akzeptablen Würfen versteht man alle Würfe, in denen keine Stellung mehr als einmal im Wurf vertreten ist.
Hierzu gehören Würfe, in denen eine Stellung fehlt oder Würfe, die vorzeitig vorne oder hinten enden, in denen aber der Mittlere Bindehund (MBH) vorhanden ist.
Als akzeptablen Wurf kann man auch solche Würfe ansehen, in denen der MBH fehlt, alle anderen Stellungen vorhanden sind, aber die Mutter als MBH diese Stellung ausfüllen kann.

Warum sind solche Würfe noch akzeptabel, obwohl Stellungen fehlen? Der Grund ist einfach, aber wesentlich: Auch in diesen Würfen können die Welpen, sofern die Struktur, in die die Welpen hinein geboren werden, keine zu großen Fehler aufweist, ihre notwendige Professionalisierung starten.

Diese Welpen sind bereits im Abgabealter sowohl charakterlich als auch aus der Stellung heraus sehr viel souveräner, gefestigter, weniger stressanfällig und körperlich stabiler. Darüber hinaus verfügen sie über die Fähigkeit, sich selbst korrigieren zu können, bringen eine innere Grunddisziplin mit und sind in der Lage, sich in einem Gemeinschaftsgefüge einzubringen und professionalisiert zu verhalten. Immer vorausgesetzt, die späteren Halter nutzen das Wissen und bringen durch (unbewusstes) menschliches Fehlverhalten die Tiere nicht wieder aus ihrer Stellung.
Auch wenn eine Stellung fehlt, können die Tiere ihr Wissen aus der eigenen Stellung festigen, da sie in der Lage sind, eine fehlende Stellung zu überbrücken. Mehr als eine Stellung wird bei der Professionalisierung allerdings nicht „repariert“.
Der MBH-Welpe sorgt dafür, dass die nächste Stellung die Aufgaben der fehlenden Stellung mit übernimmt und trotzdem alle Welpen diszipliniert in ihrer Stellung bleiben. Die Reparaturfähigkeit des Welpen beschränkt sich jedoch ausschließlich auf die Aufgaben, die er vorübergehend übernimmt, erfüllt aber nicht die eigentlichen Anforderungen, die sich aus der fehlenden Geburtsstellung ergeben. Das bedeutet: Ein V 3 wird niemals ein „echter“ V 2 oder gar ein Nachrang-Bindehund (N 2 bzw. N 3). Er bleibt sein Leben lang ein V 3 und repariert nur, was er kann.
Während der gesamten Professionalisierung erledigen die Welpen die Arbeit alleine. Lediglich eine stellungsstarke Mutter ist in der Lage, den MBH-Welpen bei der wirklich schwierigen Aufgabe zu unterstützen, den VLH für einen Tag in die Separation zu zwingen.

Kategorie 3: nicht akzeptabler Wurf

Die Bezeichnung "nicht akzeptabel" bezieht sich auf die fehlende Professionalisierung in diesen Würfen. Sie sind leider das, was man heute vermehrt in der Rassezucht sieht. Doppel- und Mehrfachbesatz derselben Stellungen, Fehlen des wichtigen Eckhundes MBH oder Fehlen des kompletten Vor- oder Nachrang-Bindehundbestandes (V 2, V 3 bzw. N 2, N 3) bei gleichzeitigem Besatz des jeweiligen Verschlusshundes (VLH bzw. NLH).

Liegt ein Doppel- oder Mehrfachbesatz derselben Stellung im Wurf vor, wird der MBH die Arbeit für den Aufbau eines Stammverbandes in den ersten Tagen zwar aufnehmen, dann aber abbrechen, woraufhin der Wurf im Gemeinschaftsgefüge auseinander bricht. Eine Professionalisierung der Welpen in ihrer jeweiligen Geburtsstellung kann somit nicht mehr stattfinden.
Fehlt der MBH, erfolgt ebenfalls keine Professionalisierung der restlichen Welpen.
Wenn im Vor- oder Nachrang die Bindehunde komplett fehlen, wird der jeweilige Verschlusshund sich vom Verband separieren und später im erwachsenen Leben viele Auffälligkeiten zeigen.

Stellungsschwache Mütter sind nicht in der Lage, solch ein „Chaos“ zu beheben. Stellungsstarke Hündinnen können es zum Leidwesen des Züchters gewaltsam reparieren, wenn es sich nur um wenige Fehlstellungen handelt. Es sind aber auch Würfe bekannt, die von der Hündin komplett getötet wurden.

Typische Wurfkonstellationen bei falscher Verpaarung

Das Strukturwissen der Hunde wird von Generation zu Generation weitergereicht. Unterbricht oder beeinträchtigt der Mensch diese Weitergabe jedoch durch Ignoranz gegenüber den jeweiligen Stellungsanforderungen, Fehler in der Bestandshaltung oder eben falsche Verpaarung, dann “produziert“ er immer mehr Hunde, die nach Abgabe nicht mehr viel Wissen in sich tragen und dementsprechend auch nicht mehr über die entsprechenden sozialen und kommunikativen Fähigkeiten verfügen – außer vielleicht den rassebedingten oder charakterlichen Begabungen. Aber auch da haben sie oft schon Probleme, diese vernünftig einzusetzen und können oft weder mit anderen Hunden artgerecht kommunizieren noch mit dem Menschen.
Ihr Verhalten ist nicht mehr berechenbar und der Mensch muss solch ein Wesen dann auch „total“ führen. Dies mag gelingen und nach außen sogar gut aussehen, trotzdem kann dies nie eine akzeptable Lösung für den Hund sein, da eine wirkliche Kommunikation zwischen Mensch und Tier überhaupt nicht mehr stattfindet.

Aufgrund der jahrzehntelangen Beobachtung der verschiedensten Wurfkonstellationen können sowohl einige typische „falsche“ Verpaarungen aufgezeigt als auch die eindeutige Empfehlung gegeben werden, als Elterntiere nur die Konstellationen VLH – MBH und MBH – NLH anzustreben.

Allgemeine Empfehlungen für den Züchter

Sämtliche Würfe, vor allem wenn sie den Kategorien 2 und 3 entsprechen, sind individuell zu betrachten, d.h. es kann bestimmte Empfehlungen geben, die dann aber nur auf den jeweiligen Wurf zugeschnitten sind – sie eignen sich also nicht zur Verallgemeinerung.
Dennoch lassen sich einige wichtige und vor allem einfache Tipps geben, die für jeden Wurf gelten:

Während der Blind-/Taubphase:

  • Die Welpen sollten so wenig wie möglich aus der Wurfkiste herausgenommen und auch so wenig wie möglich angefasst werden.
  • Ist es dennoch unbedingt notwendig, die Welpen herauszunehmen, sollte ein Foto des Wurfs gemacht werden, bevor die Tiere herausgenommen werden.
  • Das Zurücklegen der Tiere sollte anhand des Fotos erfolgen, denn es muss genau auf Kopf- und Po-Stellungen der Tiere geachtet werden, kein Tier darf verwechselt werden, auch die ursprünglichen Liegestellen auf der Unterlage sollten so gut es geht wieder eingenommen werden.
  • Die Welpen sollten keinesfalls am menschlichen Körper herum getragen werden.

Nach der Blind-/Taubphase:

  • Das Herausnehmen sollte genauso fortgesetzt werden, wobei zwar nicht mehr genau die Ablagestelle getroffen werden, die Zuordnung untereinander aber stimmen muss (Fotos helfen also auch in dieser Phase).
  • Stehen die Stellungen fest und hat der VLH die Separation durchgeführt, können die Tiere durchaus herausgenommen werden, sofern darauf geachtet wird, dies entsprechend ihrer Stellung zu tun.
  • Das bedeutet, immer mit dem Vorrang – sofern vorhanden, also mit dem VLH – beginnen und dann der Reihe nach bis zum NLH die Tiere herausnehmen. Beim Zurücklegen wird es genauso gemacht. 

Wurfanmeldung

Sollten Sie als Züchter oder als Halter, der Welpen erwartet, Interesse an einer Einschätzung Ihres Wurfs haben, können Sie sich gerne jederzeit an uns wenden. Informationen zur den Voraussetzungen des anzufertigenden Bild- und Filmmaterials sowie Informationen zur Behandlung der Welpen entnehmen Sie bitte unserem Merkblatt.
Zur Anmeldung eines Wurfs senden Sie uns bitte vorab das Anmeldeformular vollständig ausgefüllt und unterschrieben zu.