Ein anderes Verständnis

Bevor in den folgenden Kapiteln das Wissen über die vererbten Rudelstellungen eingehender beschrieben, es also eher um rudelspezifische Belange gehen wird, seien noch einmal die grundsätzlichen Unterschiede dargestellt, die sich aus diesem Wissen im Vergleich zur herkömmlichen Hundehaltung ergeben.

Ganz sicher bedeutet „diesem Wissen zu folgen“ nicht, sich 7 Hunde anzuschaffen, nur weil ein strukturiertes Rudel aus den 7 unterschiedlichen Stellungen besteht und nur hier die jeweiligen Hunde in ihrer Ganzheit aufgehoben sind.

Es beginnt viel früher: Schon beim einzelnen Hund wird das Wissen über die vererbten Rudelstellungen zu vielfältigen Veränderungen im Verhältnis Mensch-Hund führen. Es bedeutet erst einmal grundsätzlich, die menschlichen Wünsche in Bezug auf einen Hund so zu überdenken und zurückzustellen, dass eine wirkliche Gemeinschaft dieser zwei Lebewesen möglich ist. Der Mensch behält trotzdem alle Möglichkeiten in Bezug auf eine spätere Erweiterung der Hundegemeinschaft, wobei diese aber nicht auf Kosten der Hunde geht, sondern zu ihrem Vorteil ist.

Dem Wissen über die vererbten Rudelstellungen zu folgen bedeutet weiterhin eine gänzlich andere Mensch-Hund-Kommunikation, die insbesondere auf der Kenntnis und der Berücksichtigung der jeweiligen Geburtsstellung fußt.
So wird beispielsweise der so genannte Eckhund, von denen es drei verschiedene in einem Rudel gibt, partnerschaftlich geführt, d.h. der Mensch agiert mit ihm gleichberechtigt auf Augenhöhe, die Wünsche und Vorstellungen des Leithundes werden beachtet – soweit dies in der Menschenwelt und im gegebenen Moment vertretbar ist. Es gibt also keine Reizverkettung von Befehl – Ausführung – Belohnung durch Leckerchen. Die Kommunikation läuft im wesentlichen über Vorgabe, individuelle Umsetzung durch den Hund, Dank/Bestätigung durch den Menschen. Ebenso werden besondere Umstände (z.B. Abwesenheiten, Besuch) und Vorgänge, für die der Hund sich interessiert, die ihn ggf. beunruhigen, ausreichend erklärt und begründet, damit er sich in den Situationen zurecht finden kann – insgesamt also einer Kindererziehung nicht ganz unähnlich.

Dagegen muss der Bindehund, von denen es vier verschiedene Stellungen in einem Rudel gibt, erheblich klarer und konsequenter geführt werden. Denn – dies ist ein weiterer grundlegender Unterschied – der Bindehund wird in einer hündischen Gemeinschaft letztlich nicht vom Menschen, sondern von seinem passenden Eckhund geführt. Dies mag auf den ersten Blick kaum vorstellbar sein, aber jeder der eine Vergesellschaftung vollzogen hat, wird dies in vollem Umfang bestätigen können: Der Eckhund führt seinen Bindehund nach den Vorgaben des Menschen (die letztlich für beide Hunde verbindlich sind).

Für alle Hunde aber gilt gleichermaßen: Sie werden von ihrem Menschen in jeder Situation – auch und gerade vor nicht passenden, anderen Hunden – geschützt. D.h. Hundeschulen, Hundewiesen und Hundetreffpunkte sind für uns Tabu!

Ein weiterer wichtiger Unterschied zur herkömmlichen Hundehaltung: Den Hunden wird ausreichend Zeit gegeben mit den jeweiligen Umständen sowie den Vorgaben der Menschen zurecht zu kommen, ohne dass es sie überfordert. Es wird sehr darauf geachtet, dass der Hund in Ruhe – „entschleunigt“ – durch seine Welt gehen und die Reize ausreichend, d.h. abschließend verarbeiten kann, denen er unablässig ausgesetzt ist. Viele Halter werden sich wundern, wie langsam ein Hund sich bewegen kann, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt!

Was lernt der Mensch ...

… wenn er nach dem Wissen über die vererbten Rudelstellungen handelt?

Er lernt, wie hoch entwickelt und komplex das Lebewesen Hund ist.
Er lernt, dass er selbst – trotz seiner Erhöhung über alle anderen Lebewesen – auch nur ein gleichberechtigter Teil der Natur ist.
Er lernt, dass Gemeinschaft mehr ist als ein Zusammenschluss zweier unterschiedlicher Lebewesen, in dem nur Grundbedürfnisse befriedigt werden.
Und er lernt in der Kommunikation mit seinem Hund Empathie, Achtung und (Selbst-)Disziplin bei gleichzeitiger klarer Präsenz und Positionierung seiner Person – so unwahrscheinlich sich auch dies anhört: kein Hund folgt einem Menschen, der sich über seine Ziele und Vorstellungen nur unzureichend klar ist, denn auch partnerschaftliche Führung erfordert klare Vorstellungen, einzuhaltende Grenzen, ein klares Durchsetzungs- aber auch ein variables Einfühlungsvermögen. Dies alles sind Fähigkeiten, die dem Menschen auch in seiner Welt weiterhelfen werden.

Was bringt es dem Hund?

Zunächst einmal bringt es ihm Erleichterung, weil er sofort merkt: Endlich versucht der Mensch, mich zu begreifen, beginnt er, sich für meine Bedürfnisse zu interessieren. Dies Erkennen löst in ihm schon die Bereitschaft aus, sich wieder die Mühe zu machen, eine klare Kommunikation mit seinem Menschen zu beginnen. Womit er weiterhin die Bereitschaft signalisiert, sich den Notwendigkeiten der Menschenwelt freiwillig anzupassen.
Er ist viel aufnahmefähiger und kann flexibler auf Außenreize und neue Gegebenheiten reagieren.

Ausblick

Strukturiert in ihrer Geburtsstellung lebende Hunde sind gesundheitlich und psychisch stabiler, innerlich ausgeglichener, weshalb es zu weniger Konflikten mit der Umwelt kommt. Sie können mit Menschen und anderen Hunden so kommunizieren, dass möglichen Konfrontationen rechtzeitig aus dem Weg gegangen wird. Denn grundsätzlich sind Hunde darauf aus, Konflikte und Probleme zu vermeiden, zu Fehlverhalten kommt es erst, wenn sie keine Lösungsmöglichkeiten mehr sehen. Je tragfähiger die Mensch-Hund-Kommunikation ist, umso klarer kann der Hund Lösungsvorschläge aus seiner Geburtsstellung heraus anbieten, die vom Menschen akzeptiert werden können.
Dadurch wiederum lernt der Mensch, welche Lösungsmöglichkeiten Hunde für den jeweiligen Konflikt in sich tragen. Der Hund wird für den Menschen berechenbarer und es beginnt eine echte Vertrauensbasis vom Hund zum Menschen und damit auch vom Menschen zum Hund.